Burn-out ist eine Form persönlicher Dysbalance, die Folge eines Ungleichgewichts von Anforderungen und verfügbaren Ressourcen.
Oft sind es persönliche Faktoren, die eine Neigung zum Burnout begünstigen. Hohe Selbst-Ansprüche oder Perfektionismus gehören dazu. Burn-out ist aber nicht einfach eine Folge von zu hohem Stress, sondern entsteht, wenn dieser über längere Zeit nicht bewältigt werden kann und kein Puffer, kein Ausweg und keine Unterstützung vorhanden sind. Die Burn-out-Forschung verweist auf die Bedeutung von Autonomieverlust und Rollenkonflikten als zentrale auslösende Erlebnisse, die nicht konstruktiv und befriedigend gelöst werden können. Wer viel leistet und dauernd entmutigt wird, ist Burn-Out gefährdet, ebenso wie diejenigen, die unter engen Handlungsspielräumen arbeiten.

Laura (35) sitzt bei mir. Sie trinkt schon den dritten Espresso.
«Manchmal schaffe ich es einfach nicht mehr. Da häng ich so drin in den Denkspiralen. Schlafen ist auch so eine Sache. Irgendwann schlafe ich zwar doch ein und wache am nächsten Tag wieder auf. Aber normal wäre etwas anderes. Organisch ist alles abgeklärt. Alles am richtigen Ort, mit den üblichen Durchschnitts-Werten. Die Kehrseite ist halt, dass das, was ich mit mir trage, nicht sichtbar ist und auch nicht einfach durch eine OP zu beseitigen ist.»
Es ist verständlich, dass sie zunächst die lästigen Symptome am liebsten weghaben möchte. Symptome geben Informationen über Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte. Nicht hinschauen, weghören, nicht fühlen wollen ist eher der übliche Umgang. Das ist durchaus nachvollziehbar - normalerweise aber nicht wirklich heilsam.
Was also, wenn wir das Wagnis eingehen und aufhören würden, unsere Symptome abzulehnen und uns ihnen stattdessen zuwenden und beginnen, sie auch als Chance zu begreifen?
Symptome widerspiegeln uns sozusagen die sichtbare, spürbare Auswirkung von etwas, das uns im Allgemeinen nicht bewusst ist, weil es irgendwann einmal ins Unterbewusstsein geschoben wurde. Eine notwendige Voraussetzung dazu ist die Bereitschaft, sich seinen Symptomen zuzuwenden, seinen Körper zu spüren. Noch wäre dieser Schritt aber verfrüht.
Laura ist zu sehr mit dem Gedanken beschäftigt, ob sie jemals wieder wie «ein normaler Mensch» leben kann. Ohne Ängste, Selbstzweifel, Vorwürfe, Energielosigkeit. Ihre Sprache ist leise, monoton, langsam, kraftlos.
Tägliche Anforderungen kann sie immer weniger allein bewältigen. Der Radius von Aktivitäten ist immer stärker eingeschränkt. Ihren Kolleginnen und dem Freundeskreis hat sie zu vermitteln versucht, wie sie sich fühlt. Verstanden fühlte sie sich aber nie wirklich. Ihre beste Freundin hatte ihr zuletzt am Handy gesagt: «Mach dir ein schönes Wochenende, geh mal schön essen, dann wird's wieder.» Immer mehr will sie sich die qualvolle Frage nach ihrem Befinden - «Wie geht es, was machst du so?» - ersparen. Sie müsste sonst Rechenschaft ablegen über ihr Leben, das aus den Fugen geraten ist. Über den Riss in der mühsam aufgebauten Maske.
Zwei Tage später sitzen wir wieder beim Espresso. Laura gehört zu der Sorte Frauen, die glauben, dass es ihnen ihre Karriere-Rolle verbiete, in eine persönliche Krisensituation zu geraten und diese auch offen einzugestehen. Hilfesuche bedeutet für sie immer noch Statusverlust und Identitätsbeschädigung. Sie benötigt viel Energie, ihr Doppelleben aufrechtzuerhalten, bei dem der verletzte Teil immer im Verborgenen bleibt.
Das Schlimmste in einer Burn-out-Phase ist für viele das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören.

Das geht auch Laura so. «Man gehört nicht mehr zu dieser Welt, nicht mehr zu diesem Leben. Rundherum fröhliche, gesunde Menschen und mittendrin ich, die Kranke. Aus der Gesellschaft herausgerissen, weil man nicht mehr gesund ist, nicht mehr funktioniert. Ich zwinge mich zu funktionieren. Damit will ich zeigen: He, ich bin noch dabei!» Statt unserem Innersten Ausdruck zu geben, müssen wir ständig Eindruck machen. Wir nennen es heute Image. Ich habe ein Bild von mir selbst. Ein Wunschbild von mir. Beim genauen Hinsehen merke ich aber: Es ist nicht meine ganze Wirklichkeit. Und dann versuchen wir, die Diskrepanz zwischen diesem gewünschten Selbstbild und dem erfahrenen Selbst irgendwie zu überwinden. Das kostet viel Kraft. Kraft, die an einem anderen Ort wieder fehlt. Wir sind ständig dabei, diese Diskrepanz zu überspielen.
Die Realität ist: Es können Situationen auftreten, in denen wir Unterstützung durch jemand anderen benötigen.
Und oft kann eine solche Unterstützung besonders effizient sein, wenn ich sie noch gar nicht unbedingt brauche, aber mich aktiv dafür entscheide. So ist in den Anfangsphasen von Burn-out ein klärendes Coaching oft sehr hilfreich, um Ziele und Prioritäten wieder klarer zu sehen und um schwierige Situationen besser managen zu können. In fortgeschritteneren Phasen von Burnout, vor allem wenn eine depressive Grundstimmung besteht, innere Leeregefühle auftauchen, ist eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt. Diese kann auch mit Coaching kombiniert werden, um grundlegendere persönliche Fragestellungen bearbeiten zu können, gleichzeitig aber auch die Umsetzung von Massnahmen - beruflich oder privat - zu unterstützen. In Fällen von manifester Depression, von Angststörungen oder Schlafstörungen braucht es oft auch unterstützende Medikamente. Ein Burn-out zeigt uns letztlich unsere Grenzen auf und bewahrt uns gleichzeitig davor, diese Grenzen zu verletzen, über unsere Kräfte zu leben. Solche Phasen haben eine Art Schutzfunktion, sie zwingen uns innezuhalten. Ein Hilfeschrei der Seele. Gegen das immer perfekt sein müssen, immer cool sein müssen, immer gut drauf sein müssen. Gegen das Ideal, dass es die anderen Gefühle gar nicht geben darf. Für das Recht, ich selbst sein zu können. Mit allem, was dazugehört.
Mein Kommentar
- Burn-Out (5)
- Depression (4)
- Sinnfrage (3)
Arthur...
Gute Themen
Optisch ansprechend, thematisch aktuell und erst noch gut geschrieben-ich werde diese Internet-Plattform empfehlen
Jemals wieder gut ?
Ich danke der Stiftung für die hilfreichen Gedanken. Meine Erfahrungen sind: 1. Akzeptieren Sie Ihre Depressionen - für den Augenblick
Sie sind momentan seelisch und körperlich nicht auf der Höhe. Ihre Leistungsfähigkeit hat nachgelassen und vieles fällt Ihnen, im Vergleich zu früher, schwerer. Vermutlich sagen Sie sich öfters: "Jetzt schaffst du noch nicht einmal mehr das. Du bist zu nichts mehr zu gebrauchen".
Verständlich, dass Sie von sich enttäuscht und deprimiert sind. Mit solch negativen und selbstabwertenden Gedanken verschlimmern Sie jedoch Ihre Depressionen. Haben Sie Nachsicht mit sich. Es gibt keinen Grund, sich wegen Ihrer Depressionen zu verurteilen. Machen Sie sich klar, dass Sie im Augenblick traurig oder verzweifelt sind und dass Ihre Depressionen wieder vorübergehen werden.
Hilfreich ist es, sich kleine Tagesziele zu setzen, sich kleine Aktivitäten vorzunehmen und sich dafür zu loben und zu belohnen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Gipsbein. Würden Sie dann von sich verlangen, genauso schnell gehen können zu müssen, als hätten Sie keinen Gips? Wahrscheinlich nicht. Ihre Depressionen sind im Moment wie ein Gips. Sie verhindern, dass Sie wie früher denken, handeln und fühlen können. Haben Sie also Geduld mit sich! Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem Ihr Gips abgenommen wird und Sie wie früher wieder frei und unbeschwert gehen und leben können.
Der Blog von Ruedi Josuran ist lebensnah-bin ich auch froh, dass eine Persönlichkeit wie Dr. Schweizer als Präsident fungiert. Das gibt und, die wir irgendwann spenden möchten, mehr Sicherheit
Was ist Glück ? Trotz allem ?
Glück bedeutet für mich...
*im Einklang mit mir selbst zu sein
*mich selbst lieben zu können, was ich kann
*Austausch mit den mir lieb gewonnenen Forumels
*schreiben was mich bewegt, meine Gefühle in Worte zu fassen
*meine Wohlfühloase immer wieder auf´s neue zu entdecken
*meine Hobbys nachgehen, lesen, lesen, lesen
*mich stets weiterzuentwickeln, dabei bin ich auf Zuschauer meines selbst
*Ordnung in meinem leben mit klare oder auch nicht klaren Strukturen
*mich mit Psychologie beschäftigen
*jeden Tag eine gute Tat vollbringen
*meine helfende Hand auszustrecken und zu sehen, dass sie gerne angenommen wird
*Humor
*Glück ist für mich auch, mich selbst zu therapieren
*irgendwann werde ich mein Leben, meine Gefühle, meine Ängste niederschreiben und mein eigenes Lebenswerk zu Papier bringen
*Glück - alt und Weise sterben
unmd weitere Artikel, Videos und Audios hinter lesen, hören und schauen können
ueberrascht
Ich bin berührt und überrascht von der Idee einer solchen Stiftung. Ich kann nur hoffen, dass die Wirtschaft und Politik auch mitspielt. Danke auch Herrn Josuran für den sehr guten Artikel. Innerhalb meiner Familie hat sich eine ähnliche Geschichte abgespielt-liebe Grüsse aus St. Gallen
Sehr gut
Die meisten Menschen brauchen lange, bis sie zur Krankheitseinsicht finden und nicht jeder Arzt oder Psychologe ist Burnout-Experte und erkennt das Burnout-Syndrom sofort. Deswegen braucht es so einen Internetseite. Hier sind Betroffene, die wissen was sie tun und schreiben.