Es war am 3. Januar 2011-der Anruf auf mein Handy erfolgt um 0432. Am
anderen Ende ein unbekannter. Er heisst Marco S. Seine Stimme auf der
Combox klingt müde, kraftlos, verzweifelt. Seine Aussage ist
unmissverständlich: seit 5 Wochen koste es ihn unglaublich viel Energie
das Bett zu verlassen. Der Gedanke an den kommenden Arbeitstag lasse ihn
jeden Mut verlieren.
Der Mann ist 51, verheiratet, zwei jugendliche Kinder. PC-und Netzwerk Supports bestimmen seinen beruflichen Alltag. Er vergleicht sich selber mit einem Hamster im Laufrad. Im Gegensatz zu früheren "Energie-Krisen" merkt er: diesmal ist es anders. Er kann kaum mehr abschalten, sich kaum mehr erholen. Alles wird zuviel. Noch vor einem halben Jahr hätte er weitergekämpft. Hätte sich zusammen gerissen. Nun geht auch das nicht mehr. Der "Schalter" kann nicht mehr einfach so umgelegt werden. Die grosse Sinnlosigkeit kommt über ihn. Und das obwohl der betont, wie wichtig ihm der christliche Glaube im Alltag ist. Genau daran knüpfe ich bei unserem Gespräch an. Wir kommen auf den Propheten Elia aus dem Alten Testament zu sprechen. Man kann seine Geschichte im 1. Buch der Könige, im Alten Testament, nachlesen. (1. Könige 19, 17-19). Elia und seine Suizid-Gedanken: »Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.«
Der Psychotherapeut Josef Giger-Bühler schreibt in seinem Buch »Endlich frei. Wege aus der Depression«, wie häufig solche Überforderung daher rührt, dass man es besser machen will oder machen soll als die Eltern oder Grosseltern. Die Bibel ist ein zutiefst menschliches Buch, sie kennt Niedergeschlagenheit, tiefe Erschöpfung, Depression, und sie schildert das in eindrucksvollen Worten.
Nicht nur das Schicksal des Elia, nicht nur die Geschichte des Königs Saul, der sich wünscht, dass der Hirtenjunge David sein verdüstertes Gemüt durch Musik aufhellt, lassen etwas ahnen von den vielen Gesichtern der Depression, die die Bibel bereithält. Die Psalmen, das Gebetsbuch des jüdischen Volkes, lesen sich, als hätte einer die Klagen depressiver Menschen wörtlich mitgeschrieben:
Ich bin ein Wurm und kein Mensch ( Ps 22, 7)
Ich bin hingeschüttet wie Wasser ( Ps 22, 15)
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist, ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser, meine Augen sind trübe geworden ( Ps 69, 3-4)
Mancher, der heute in seiner Depression mit dunklen Gedanken zu kämpfen hat, staunt, dass all das bereits in den Psalmen ausgesprochen ist. Und es wird nicht einfach ausgesprochen und aufgezählt. Da werden die Gedanken hin- und hergewälzt, wird nach Gründen gesucht, warum sich die Seele so verdunkelt hat. Bin ich selbst schuld daran, dass es mir so schlecht geht, oder hat sich Gott selbst abgewendet?
Fragen dürfen sein. Auch Gefühle jeder Art dürfen ausgesprochen werden. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wer drinsteckt, der kann nicht mehr glauben, dass es einmal enden wird - und er spürt schon gar nicht, dass es eine besondere Zeit sein kann, die er da durchmacht. In der Rückschau merkt einer manchmal, dass es eine Reifezeit war, dass hinterher etwas anders ist als vorher, dass die Zeit nicht einfach vergeudet und verloren war. Aber erst mal geht es einfach ums Durchkommen, ums Überleben.
Eine im wahrsten Sinn des Wortes anrührende Szene wird geschildert: »Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und ass und trank…«
Elia geht weiter, Schritt für Schritt durch die Wüste
Es sind die einfachsten Dinge, die elementarsten, die einer braucht für den weiten Weg durch die Depression. Dazu kann gehören, dass er sich eingesteht: Alleine schaff ich es nicht. Ich brauche Hilfe. Ich brauche jemanden, der mich von aussen anrührt und mir zeigt, was jetzt zum Weiterleben nötig ist.
Im Coaching, in der Begleitung und Unterstützung, muss ich mich darauf einstellen, dass es nur in kleinen Schritten vorwärts geht. Rückschläge gehören dazu. Der Engel weist zweimal hin auf Brot und Wasser. Auch Gott sagt zu Elia immer wieder das Gleiche. Doch zunächst scheint es, als wäre Gott nicht mehr da. Zumindest nicht so, wie Elia ihn erwartet. Er redet nicht mehr so wie früher. Es scheint, als hätte er sein Gesicht verborgen.
Das, was einer vor der Depression einmal geglaubt hat, das ist nicht mehr zugänglich. Gerade in einer Zeit in der alles hoffnungslos und der Betroffene sich selbst kraftlos erscheint, sind Menschen hilfreich, die zuhören und trösten.
Es geht um die "kleinen Dinge des Lebens, ums Einkaufen, um das Ein halten von Arzt-Terminen, das Einnehmen von Medikamenten.
Immer noch fällt es vielen Betroffenen- und nicht zuletzt den Angehörigen schwer, über ihre Depressionen zu sprechen. Die Krankheit ist noch immer ein Tabuthema, trotz der hohen Fallzahlen. Häufig reagiert das Umfeld von Depressiven mit wenig Verständnis und nach einer
gewissen Zeit sogar genervt bis aggressiv. "'Nun reiss dich mal zusammen', kriegen Depressive oft zu hören". Wer depressiv ist, gilt als weniger belastbar, weniger stress-resistent und damit auch als weniger leistungsfähig. Also redet man nicht darüber. Schon gar nicht in Krisenzeiten, in denen die Angst um den Arbeitsplatz viele Menschen umtreibt. Dabei zählen Depressionen zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit in unserem Land. Deswegen engagieren wir uns mit dieser Stiftung und ihrem Angebot. Damit Menschen wie Marco S. eine Stimme bekommen.
Mein Kommentar
- Burn-Out (5)
- Depression (4)
- Sinnfrage (3)
Arthur...
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People all over the world take the loans from different creditors, just because it's comfortable and fast.